Wer täglich mit Gefühlen arbeitet, braucht mehr als Empathie

 

Max Reinhardt, einer der bedeutendsten Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts, nannte Schauspielerinnen „berufsmäßige Gefühlsmenschen“. Sie transformieren ihre eigenen Gefühle in die der dargestellten Rolle — weil ihr Beruf es so verlangt. Für meine Diplomarbeit an der Universität Wien habe ich mich mit der Emotionsarbeit von Schauspielerinnen beschäftigt. Und mit der Frage, ob Schauspieltechniken nicht auch in anderen Berufen helfen könnten, in denen täglich Emotionsarbeit geleistet wird.

Die Lehrerin, die nach der sechsten Unterrichtsstunde mit vollem Engagement ein Elterngespräch führt. Der Pfleger, der sich zum zehnten Mal an einem Tag um eine demente Patientin kümmert — und dabei nicht abstumpfen darf. Die Führungskraft, die nach einer erschöpfenden Krisensitzung das folgende Mitarbeitergespräch trotzdem präsent und zugewandt führt. Sie alle sind, in Max Reinhardts Worten, berufsmäßige Gefühlsmenschen. Und es sind weit mehr, als wir gemeinhin annehmen.

Ein unterschätzter Faktor in der Arbeitswelt

Etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen arbeitet in personenbezogenen Tätigkeiten — das zeigen aktuelle Daten der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA, 2021). In Österreich macht der Dienstleistungssektor rund 70 Prozent der Gesamtwertschöpfung aus. Die sechste Europäische Erhebung über Arbeitsbedingungen (Eurofound, 2019) listet emotionale Anforderungen — neben hoher Arbeitsintensität und geringer Selbstbestimmung — als einen der zentralen psychosozialen Belastungsfaktoren auf. Und stellt gleichzeitig fest: In der betrieblichen Gesundheitsförderung und in der Evaluierung psychischer Belastungen werden sie zu wenig berücksichtigt.

Was Emotionsarbeit wirklich bedeutet

Den Begriff „Emotionsarbeit“ hat die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild 1983 in The Managed Heart geprägt — auf Deutsch erschienen unter dem treffenden Titel „Das gekaufte Herz“. Sie meint damit das Management der eigenen Gefühle durch Mimik, Stimme und Gestik, das in der Arbeit erforderlich ist, um ein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck zu bringen — nach den Normen der jeweiligen Organisation.

Friedbert Nerdinger (2003) formuliert es arbeitspsychologisch: Das Zeigen und Beherrschen von Gefühlen als eigenständige Dienstleistung gehört zu den Rollenerwartungen an personenbezogene Dienstleister*innen.

Emotionsarbeit ist tatsächlich Arbeit. Wer den ganzen Tag Gefühle reguliert, verbraucht eine Ressource. Wie jede andere Arbeitsleistung auch. Und wie bei jeder anderen Arbeitsleistung gilt: Wer dauerhaft mehr gibt als er zurückbekommt, erschöpft sich irgendwann — unabhängig davon, wie stark oder engagiert er ist.

Surface Acting, Deep Acting: zwei Strategien mit sehr unterschiedlichen Folgen

Hochschild unterschied zwei grundlegend verschiedene Strategien, die in der Forschung als „Surface Acting“ (Oberflächenhandeln) und „Deep Acting“ (Tiefenhandeln) bekannt geworden sind.

Beim Surface Acting verändert man die sichtbaren Anteile einer Emotion — Mimik, Stimme, Haltung — ohne dass sich die tatsächlich erlebte Gefühlslage verändert. Man lächelt, obwohl man erschöpft ist. Man versucht ruhig zu klingen, obwohl man innerlich aufgewühlt ist. Hochschild beschreibt in The Managed Heart eine junge Stewardess, die in ihr Notizbuch schreibt: „Es ist wichtig zu lächeln. Vergiss nicht zu lächeln.“ Ein Satz, der in seiner Schlichtheit erschreckt, weil er so vertraut klingt.

Beim Deep Acting setzt man tiefer an. Man versucht tatsächlich zu fühlen, was man zeigen soll — statt Gefühle zu simulieren, werden sie aktiviert und wahrhaftig empfunden. Um das zu erreichen, wurden im Schauspiel seit den grundlegenden Arbeiten von Konstantin Stanislawski eine Reihe von Techniken entwickelt.

Der Preis des Vortäuschens – und warum echtes Fühlen schützt

Eine Metaanalyse über drei Jahrzehnte Emotionsarbeitsforschung (Hülsheger & Schewe, 2011) zeigt: Oberflächenhandeln und emotionale Dissonanz — also der Widerspruch zwischen gezeigten und tatsächlich gefühlten Emotionen — korrelieren signifikant mit emotionaler Erschöpfung und Depersonalisation. Wer dauerhaft zeigt, was er nicht fühlt, zahlt einen nachweisbaren Preis in Form von Arbeitsunzufriedenheit, psychosomatischen Beschwerden, erschwertem Abschalten nach der Arbeit und geringerer Bindung ans Unternehmen.

Beim Deep Acting sieht das Bild günstiger aus: Der Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung ist uneindeutig bis schwach. Dafür zeigen sich signifikant höhere persönliche Erfüllung und Arbeitszufriedenheit — und: höhere Zufriedenheit auf Seiten der Kund*innen (Grandey & Melloy, 2017; Zapf et al., 2021).

Zapf und Kolleg*innen weisen im Annual Review of Organizational Psychology (2021) darauf hin, dass positive wie negative Auswirkungen emotionaler Arbeitsanforderungen nicht ohne das Arbeitsumfeld betrachtet werden sollten. Das bedeutet: Ob Emotionsarbeit erschöpft oder erfüllt, liegt nicht nur an der Person — es liegt auch daran, wie, mit welchen Ressourcen und unter welchen Bedingungen sie geleistet wird.

Wenn die Erschöpfung nicht mehr vom Vortäuschen kommt

In meiner Diplomarbeit zur Emotionsarbeit im Schauspielberuf (Wien, 2010) habe ich beschrieben, was aus der schauspielerischen Praxis heraus auffällt: Im günstigsten Fall findet Emotionsregulation als lustvoller, freiwilliger Akt statt. Im ungünstigsten kippt sie in erschöpfende Arbeit. Wenn die Dissonanz zwischen der privaten Gefühlslage und der Rolle zu groß wird, kostet auch das aufrichtige Bemühen um echtes Gefühl enorme Energie. Es gibt einen Punkt, an dem die Erschöpfung nicht mehr aus dem Vortäuschen resultiert, sondern aus dem Verausgaben.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 bestätigt das. Singh, Repchuck und Monaghan haben 854 Beschäftigte in sozialen Dienstleistungsberufen untersucht und sind zu folgendem Ergebnis gekommen: Unter besonders hohen negativen emotionalen Anforderungen — also dort, wo Wut, Aggression oder Trauer von Klient*innen täglich bewältigt werden müssen — kann auch Tiefenhandeln die psychische Gesundheit nicht mehr schützen. Die individuelle Regulationsstrategie allein reicht dann nicht mehr aus. Was hilft, liegt auf zwei Ebenen: einer persönlichen — wie man die Balance zwischen Anteilnahme und Abgrenzung gestaltet — und einer organisationalen — unter welchen Bedingungen diese Arbeit stattfindet.

Schauspieltechniken als Weg zum echten inneren Engagement

Julie Hansen, amerikanische Schauspielerin und Verkaufstrainerin, hat in Act Like a Sales Pro (2011) Schauspieltechniken als praktischen Weg vom Oberflächenhandeln hin zu echtem innerem Engagement beschrieben.

Das „Sense Memory“ — auf Deutsch: das Sinnesgedächtnis — gehört dabei zu den direktesten Techniken, um sich auf den „Moment before“ einer herausfordernden Situation wie z.B. einem schwierigen Gespräch vorzubereiten. Eine sensorische Erinnerung, ein Geruch, ein Klang, ein inneres Bild, kann dabei einen erwünschten emotionalen Zustand reaktivieren. Auf diese Art und Weise geht man in einem hilfreichen inneren Zustand in die Situation.

Auch die Absicht, mit der ich in eine Interaktion gehe, kann hilfreich sein. Nicht „ich soll freundlich wirken“, sondern „ich will wirklich verstehen, was diese Person gerade braucht“ — oder: „ich will ihr zeigen, dass sie gehört wird.“ Der Unterschied liegt in der Haltung: Aktive Intentionen verlagern die Aufmerksamkeit vom eigenen Ausdruck weg hin zum Gegenüber. Und helfen, echtes statt vorgetäuschtes Interesse zu entwickeln.

Am Theater beschäftigt man sich seit jeher mit dem, was die Emotionsforschung als vorbereitungsorientierte Emotionsregulation bezeichnet (Gross, 1998; Strecker & Lampert, 2023): Je früher in die Emotionsentstehung eingegriffen wird — noch vor der auslösenden Situation —, desto weniger kostet die Regulation danach.

Berührt sein, ohne angesteckt zu werden

Vor allem in Gesundheitsberufen ist Tiefenhandeln wesentlich, um einen empathischen Zugang zu Patient*innen aufzubauen. Gleichzeitig bedarf es aber auch eines nötigen Maßes an Abgrenzung, um nicht zu sehr von deren Emotionen angesteckt und dadurch erschöpft zu werden.

Die Medizinsoziologin Renée C. Fox hat für diese Balance bereits 1959 einen Begriff geprägt: „Detached Concern“ — professionelle Anteilnahme. Fox beschrieb damit, wie Ärzt*innen gleichzeitig emotionale Distanz und echtes Engagement aufrechterhalten. Bettina Lampert (Universität Innsbruck) hat das Konzept für den Pflege- und Dienstleistungsbereich angewendet.

Es beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein zweier Qualitäten: Abgrenzungsfähigkeit auf der einen, empathische Anteilnahme auf der anderen Seite. Sich einfühlen, ohne mitzuleiden. Berührt sein, ohne angesteckt zu werden.

Eine Krankenschwester, die Lampert in ihrer Forschung zitiert, bringt es auf den Punkt: „Distanz ja, aber wenn der Mensch einen nicht mehr berührt, leistet man keine gute Arbeit mehr. Berührt er einen zu sehr, hält man die Arbeit auch nicht durch.“

Lamperts Forschungsergebnisse (Lampert, Unterrainer & Seubert, 2019) bestätigen das empirisch: Beschäftigte, denen es gelingt, hohes Detachment und hohes Concern gleichzeitig aufzubringen — die sogenannten „balancierten Dienstleister*innen“ —, senken damit signifikant ihr Burnout-Risiko.

Was Zeitdruck, Führungskultur und Autonomie mit Emotionsarbeit zu tun haben

Allzu leicht könnte man nun die gesamte Verantwortung für die eigenen Gefühle bei den Einzelnen belassen. Zapf et al. (2021) widersprechen hier eindeutig: Funktionale Emotionsregulation braucht ein Arbeitsumfeld, das sie möglich macht. Zeitdruck sabotiert nachweislich die Abgrenzungsfähigkeit. Ethische Führung und soziale Unterstützung durch Vorgesetzte reduzieren Oberflächenhandeln. Autonomie und Tätigkeitsspielraum fördern empathische Anteilnahme.

Strecker und Lampert (2023) ziehen daraus eine Schlussfolgerung, der ich mich anschließe: Emotionale Anforderungen zählen zu den Arbeitsbedingungen, die, so wie übrige, als solche erkannt, benannt und gestaltet werden müssen. In Evaluierungen, in der Führungskultur, in der Aus- und Fortbildung.

Das Handwerk der Gefühle – damals wie heute

Max Reinhardts Begriff gilt weit über die Theaterwelt hinaus — er trifft jeden, der von Berufs wegen täglich mit seinen eigenen Gefühlen arbeitet. Das Schauspiel hat dafür, noch vor der modernen Psychologie, Handwerk zur Verfügung gestellt — die eigene emotionale Welt lässt sich entwickeln, üben und verfeinern.

Ich arbeite genau an dieser Schnittstelle: zwischen dem, was die Psychologie über Emotionsregulation weiß, und dem, was das Schauspiel als erforderliches Handwerk bereitstellt. Wenn Sie herausfinden möchten, welche Art von „Gefühlsmensch“ Sie in Ihrem Berufsleben sind — und wie Sie die Balance zwischen Anteilnahme und Abgrenzung für sich entwickeln können —, freue ich mich auf ein Gespräch.


Verwendete Quellen

  • BAuA (2021). Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt.
  • Blix, S. (2007). Stage actors and emotions at work. International Journal of Work Organisation and Emotion2(2), 161–172.
  • Eurofound (2019). Sixth European Working Conditions Survey.
  • Fox, R. C. (1959). Experiment perilous: Physicians and patients facing the unknown. Free Press.
  • Grandey, A. A., & Melloy, R. C. (2017). The state of the heart: emotional labor as emotion regulation reviewed and revised. J Occup Health Psychol 22, 407–422.
  • Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: an integrative review. Review of General Psychology 2, 271–299.
  • Hochschild, A. R. (1983). The managed heart: Commercialization of human feeling. University of California Press.
  • Hülsheger, U. R., & Schewe, A. F. (2011). On the costs and benefits of emotional labor: A meta-analysis of three decades of research. J Occup Health Psychol 16, 361–389.
  • Lampert, B. (2011). Detached Concern. Eine emotionsregulierende Bewältigungsstrategie in der Altenpflege. Pabst, Lengerich.
  • Lampert, B., Unterrainer, C., & Seubert, C. T. (2019). Exhausted through client interaction — Detached concern profiles as an emotional resource over time? PLoS ONE 14:e0216031.
  • Lief, H. I., & Fox, R. C. (1963). Training for „detached concern“ in medical students. In H. I. Lief, V. F. Lief, & N. R. Lief (Eds.), The psychological basis of medical practice. Harper & Row.
  • Nerdinger, F. W. (2003). Emotionsarbeit und Burnout in der gesundheitsbezogenen Dienstleistung. In A. Büssing & J. Glaser (Hrsg.), Dienstleistungsqualität und Qualität des Arbeitslebens im Krankenhaus (S. 181–197). Hogrefe.
  • Singh, D., Repchuck, R., & Monaghan, J. (2025). The complexity of deep acting: A study of emotional labor in frontline human service work. Society and Mental Health.
  • Strecker, C., & Lampert, B. (2023). Emotionsregulation und Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Vortrag, Universität Innsbruck, 26. September 2023.
  • Zapf, D., Kern, M., Tschan, F., Holman, D., & Semmer, N. K. (2021). Emotion work: A work psychology perspective. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior 8, 139–172.
  • Hansen, J. (2011). Act Like a Sales Pro. Career Press.
  • Landsgesell, W. (2010). Emotionsarbeit im Schauspielberuf. Diplomarbeit, Universität Wien.

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