Präsenz ist Handwerk — was das Theater über berufliche Wirkung weiß

Es war im ersten Jahr meiner Schauspielausbildung. Ich bin damals bereits öffentlich aufgetreten, in einem Kabarettprogramm, das meine Lehrerin Elfriede Ott inszeniert hatte. Nach einem der Auftritte gab sie mir eine Rückmeldung, die für mich, vorsichtig ausgedrückt, kränkend war:

„Heute warst du ein Loch auf der Bühne.“

Damals wusste ich nicht recht, was ich mit dieser Bemerkung anfangen soll. Sie war weder freundlich vorgetragen noch für mich eindeutig. Ich war darauf zurückgeworfen, diesen Satz zu interpretieren: „Du warst zwar da, dein Text war da — aber im Vergleich zu deinen Partner*innen warst du ein Vakuum auf der Bühne, das vom Publikum nicht wahrgenommen wurde.“

Rückblickend verstehe ich, was sie gemeint hat. Ich war an jenem Abend mit mir selbst beschäftigt — mit meiner eigenen Aufregung, mit der Frage, wie ich klinge, ob ich gut genug bin, wie ich auf das Publikum wirke. Genau dadurch habe ich die Anbindung verloren: an meine Bühnenpartner*innen, an den Raum, an die Menschen im Saal. Wer mit der Aufmerksamkeit dauerhaft bei sich selbst bleibt, wird, in der Schauspielsprache, undurchlässig: für Emotionen, für Reaktionen, für eine glaubhafte und interessierende Lebendigkeit.

Jahrzehnte nach jenem Abend, nach dem Wechsel in die psychologische Beratungspraxis und ins Coaching von Führungskräften, ist Otts Satz für mich als einer der schärfsten Sätze hängen geblieben, die ich zum Thema Präsenz kenne. Und er betrifft nicht nur die Bühne.

Was Elfriede Ott eigentlich meinte

Ein paar Jahre nach jenem Auftritt hat mir ein Regisseur einen Satz mitgegeben, der die Diagnose, die in ihrer Rückmeldung enthalten war, auf den Punkt bringt:

„Je mehr du beim anderen bist, desto mehr bist du bei dir selbst.“

Das klingt zunächst paradox. Ist es aber nicht. Wer sein Gegenüber wirklich wahrnimmt, wer im Kontakt mit dem Raum, mit den Partner*innen, mit dem Publikum bleibt, ist genau dadurch in seinem eigenen Tun verankert. Wer hingegen mit der Aufmerksamkeit nach innen kreist — zur Sorge um den eigenen Eindruck und das Gelingen des Auftritts —, verliert sowohl die Verbindung nach außen als auch die Verbindung zu sich selbst.

Vielleicht kennen Sie das aus Begegnungen im Berufsalltag. Menschen, die auf eigenartige Weise teilnahmslos wirken, als wären sie in eigene Gedanken zurückgezogen. Führungskräfte, die in Teambesprechungen ihre Mitarbeiter*innen motivieren wollen — und dabei gedämpft wirken, mit monotoner Sprachmelodie, einem Körper, der für Emotion undurchlässig scheint. Hochkompetente Kolleg*innen, die nicht gebührend wahrgenommen werden, weil sie wirken, als seien sie in sich versunken: spärliche Mimik, eine Körpersprache mit Tendenz zum Rückzug. Aus dem Schauspiel kenne ich für diesen Zustand eine knappe Formel: „Die Energie geht nach innen, statt nach außen.“

Erving Goffman hat das in seinem soziologischen Klassiker Wir alle spielen Theater früh beschrieben: Eine Rolle entsteht erst in der Begegnung. Sie ist kein Solo, das man vorher fertig probt und dann anderen vorführt. Sie kommt im Kontakt zustande. Das gilt eben nicht nur für die Bühne, sondern, wie sich zeigen wird, auch für jedes Meeting.

Was die Embodiment-Forschung dazu sagt

Die Aufmerksamkeit auf sich selbst, die fortwährende Selbstkontrolle, erzeugt die oben beschriebene körperliche Entsprechung. Eine Körpersprache, die Schutz und Rückzug vermittelt.

Die körperlichen Folgen einer fortwährend eingesunkenen, zurückgezogenen Haltung sind hinlänglich belegt: flachere Atmung, geringere Sauerstoffversorgung, muskuläre Spannungen, vom Kopf abwärts ein ganzes Folgeprogramm. Weniger populär sind in meiner Wahrnehmung die psychischen Folgen — die Frage also, was eine Haltung mit dem inneren Zustand der Person macht, die sie einnimmt.

Eine erhellende experimentelle Studie stammt von Wilkes und Kolleg*innen (2017, Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry). Menschen mit leichten bis mittleren depressiven Symptomen wurden gebeten, für die Dauer einer kurzen kognitiven Aufgabe entweder bewusst aufrecht zu sitzen oder in ihrer gewohnten Haltung zu bleiben. Das Ergebnis: Die aufrechte Gruppe berichtete danach über mehr Energie und weniger Müdigkeit, sprach in der Aufgabe mehr Worte und gebrauchte seltener das Wort „ich“. Erik Peper und sein Team haben das in einer ergänzenden Linie gezeigt: In einer eingesunkenen Haltung fällt es leichter, mutlose Erinnerungen abzurufen — bestärkende leichter in einer aufrechten.

Eine kurze Einordnung zur Vollständigkeit: Die populäre „Power Pose“-Linie von Amy Cuddy ist in den letzten Jahren in der Forschung deutlich revidiert worden. Effekte auf Hormone und Verhalten haben sich nicht zuverlässig replizieren lassen, und Dana Carney — Cuddys ursprüngliche Mitautorin — hat 2016 selbst Abstand von dieser Hypothese genommen. Weiterhin gut belegt ist jedoch die subjektive Ebene: Wie wir stehen, sitzen, atmen, beeinflusst, wie wir uns fühlen.

Wer sich auf eine wichtige Situation vorbereitet, kommt häufig mit der Erwartung ins Coaching, dass es um eine rein inhaltliche Vorbereitung geht. Darum geht es durchaus — aber auch um den Körper. „Wie ist die Wirkung unterschiedlicher Haltungen? Wie ist der Atem reguliert? Wo ist Ihre Aufmerksamkeit?“ Das sind Fragen, deren Antworten mehr bewirken können als rhetorische Feinabstimmungen.

Was das Theater seit hundert Jahren übt

Konstantin Stanislawski, der russische Regisseur und Schauspiellehrer, hat im frühen 20. Jahrhundert einige bis heute geltende Grundlagen gelegt: Eine Rolle beginnt nicht beim Text. Sie beginnt beim Körper. Wer eine Figur darstellt, lernt nicht zuerst den Text auswendig, sondern entdeckt ihre Haltung, ihren Atem, ihre Bewegungen in ganz konkreten Situationen des Stücks — um schließlich den Text „wie ein Boot aufs Wasser zu setzen“. Das ist mit dem Ansatz „von außen nach innen“ gemeint.

Was viele nicht wissen: Stanislawski hat sich für die Verfeinerung dieser Methode damaliger wissenschaftlicher Erkenntnisse bedient. Er beschäftigte sich mit den Arbeiten Iwan Pawlows zu konditionierten Reflexen — und entwickelte daraus die Idee, dass psychisches Erleben und körperliche Handlung untrennbar miteinander verschränkt sind. Das war, hundert Jahre vor der heutigen Embodiment-Forschung, ein erstaunlich präziser Gedanke.

Eine zeitgenössische Bestätigung liefert die Hirnforschung. Eine Arbeit im Journal of Cognitive Neuroscience (2022) hat mit tragbarer Nahinfrarot-Spektroskopie (fNIRS) das Hirn professioneller Schauspieler*innen während einer Shakespeare-Aufführung gemessen. Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse: Während die Darsteller*innen in der Rolle waren, wurde die Reaktion ihres präfrontalen Cortex auf den eigenen Namen unterdrückt — also genau jenes Areal, das normalerweise mit Selbstbezogenheit assoziiert ist. In der Sprache der Schauspieler*innen: Sie waren „bei sich“, allerdings in der von ihnen verkörperten Rolle. In dieser waren sie auch bei ihrem Gegenüber auf der Bühne. Was im Theater als „Selbstvergessenheit“ beschrieben wird, hat damit erstmals ein messbares neurophysiologisches Korrelat.

Aus dieser Selbstvergessenheit entsteht das Gefühl, „im Moment“ und der eigenen Wirkung gewachsen zu sein. Innere und äußere Haltung beeinflussen einander wechselseitig.

Warum „Üben“ und „Echt-Sein“ kein Widerspruch sind

Ein verbreitetes Missverständnis beruht auf der Annahme, dass das Bewusstmachen von Körpersprache, das Üben von Vorträgen oder Gesprächssituationen, „Schauspielerei“ sei. In dem Sinne, dass man etwas vorspiele, das nicht „man selbst sei“. Dem entgegne ich: dieser Eindruck entsteht nur bei schlechtem Schauspiel.

Dazu ein Blick auf die Forschung. Eine umfangreiche systematische Übersichtsarbeit von Fisher und Sitkin im Journal of Management & Organization (2024) hat 303 Fachartikel zu „Authentic Leadership“ aus den Jahren 2010–2023 ausgewertet. Ihre Kernkritik an der bisherigen Forschungslinie ist bemerkenswert: Das Konzept der authentischen Führung sei zu sehr auf innere Zustände fokussiert gewesen — auf das, was Führungskräfte fühlen oder zu fühlen behaupten. Die Autor*innen plädieren dafür, Authentizität künftig an beobachtbarem Verhalten festzumachen. An dem, was Menschen tatsächlich tun — nicht an dem, was sie über sich glauben.

Das entspricht einer professionellen schauspielerischen Position. Authentizität entfaltet sich, wenn alle Wirkungsebenen übereinstimmen: Gedanken, Gefühle und Verhalten. Und dieser Prozess lässt sich üben bzw. proben.

In der angewandten Theaterarbeit für Führungskräfte gibt es dafür einen schönen Begriff: geübte Authentizität. Nicholas Janni, ehemaliger Schauspiellehrer an der Londoner Royal Academy of Dramatic Art und heute Visiting Professor für Leadership an der IMD Business School in Lausanne, beschreibt diese Linie in seinem 2023 als Business Book of the Yearausgezeichneten Buch Leader as Healer. Theaterarbeit, so Janni, schaffe Räume, in denen Führungskräfte herausfordernde Situationen so oft üben können, bis die authentische Reaktion eine natürliche wird — keine aufgesetzte Performance mehr. Das deckt sich, im Kern, mit dem, was die Stanislawski-Tradition seit über hundert Jahren weiß.

Drei kleine Übungen für den Alltag

Was lässt sich davon morgen früh ausprobieren? Nichts, wofür es ein Seminar bräuchte. Drei sehr kleine Dinge, die Sie in einem normalen Arbeitstag mehrfach unterbringen können.

Vor einem wichtigen Gespräch. Zwei Minuten, bevor Sie ins Meeting gehen, bleiben Sie noch einmal kurz stehen. Die Aufmerksamkeit auf einen Sinneseindruck richten, der Sie im Raum verankert: die Füße auf dem Boden, das Licht, ein Geräusch, der eigene Atem — je nachdem, was am leichtesten zu fassen ist. Tief und restlos ausatmen, den Atem wieder einströmen lassen. Die tiefe Aus- und Einatmung wiederholen. Erst dann der Eintritt in die Gesprächssituation.

Im Gespräch — die Fokusübung. Wenn Sie merken, dass Sie nervös werden und Ihre Gedanken abdriften: interessieren Sie sich für ein Detail an Ihrem Gegenüber. Zum Beispiel ein Merkmal an der Kleidung. Die Fokussierung auf ein Merkmal im Außen führt Sie von der hemmenden Selbstbeobachtung weg.

In Wartesituationen — das Handy in der Tasche lassen. Eine der einflussreichsten kleinen Mikrogewohnheiten, die ich kenne — und Gegenstand meines aktuellen LinkedIn-Beitrags „Das Handy in der Pause“: In Wartemomenten nicht reflexhaft zum Handy greifen. Stattdessen die Achtsamkeit erhöhen, indem Sie die Aufmerksamkeit auf einen Sinneseindruck richten. 30 bis 60 Sekunden tägliches Präsenztraining — völlig nebenbei.

Präsenz ist keine Gabe. Sie ist Handwerk.

Was Schauspieler*innen lernen, was die Embodiment-Forschung beschreibt und was die heutige Führungskräfte-Forschung wiederentdeckt, lässt sich so zusammenfassen: Präsenz und Authentizität sind keine angelegten Persönlichkeitseigenschaften. Sie können geübt und entwickelt werden. Wie ein Handwerk.

Das ist die gute Nachricht für alle, die meinen, man müsse „Selbstdarsteller*in“ sein, um Wirkung auf andere zu haben. Die ganz eigene Präsenz und ja, auch das eigene Charisma, lassen sich auch ohne „Drang auf die Bühne“ erwerben.

Wer diesem Thema in einem geschützten Rahmen nachgehen möchte — mit Raum für Körper, Haltung und konkrete Situationen aus dem eigenen Berufsalltag —, findet in einem Performance-Coaching einen sinnvollen nächsten Schritt.

„Je mehr du beim anderen bist, desto mehr bist du bei dir selbst.“ ist für mich nicht nur der Kernsatz jeder schauspielerischen Rolle, sondern aller Rollen, die wir im Leben einnehmen.


Quellen & weiterführende Hinweise

  • Wilkes, C., Kydd, R., Sagar, M., & Broadbent, E. (2017). Upright posture improves affect and fatigue in people with depressive symptoms. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 54, 143–149.
  • Peper, E., & Lin, I-M. (2012). Increase or decrease depression: How body postures influence your energy level. Biofeedback, 40(3), 125–130. (sowie ergänzende Arbeiten der Peper-Linie)
  • Brown, S., Cockett, P., & Yuan, Y. (2022). Exploring Theater Neuroscience: Using Wearable Functional Near-infrared Spectroscopy to Measure the Sense of Self and Interpersonal Coordination in Professional Actors. Journal of Cognitive Neuroscience, 34(12), 2215–2236.
  • Fisher, C. M., & Sitkin, S. B. (2024). „Let’s get real“ … when we lead: A systematic review, critical assessment, and agenda for authentic leadership theory and research. Journal of Management & Organization.
  • Janni, N. (2023). Leader as Healer. LID Publishing. (Business Book of the Year 2023)
  • Goffman, E. (1959/1980). Wir alle spielen Theater (engl. The Presentation of Self in Everyday Life).
  • Cuddy-Linie / Power Poses: zur Replikations-Debatte vgl. Ranehill et al. (2015, Psychological Science) sowie Carney (2016, eigenes Statement zum Verzicht auf die ursprüngliche Hypothese).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werner Landsgesell Logo — Psychologe, Coach und Schauspieler Wien

Mag. Werner Landsgesell

Leystraße 154/122, 1020 Wien

+43 676 6032272